Kommentar: „Gestern hab‘ ich ein Video gesehen, in dem ein WTler gegen einen MMAler gekämpft hat und der WTler hatte keine Chance…“

Im Internet – explizit auf YouTube – finden sich immer wieder Videos, in denen verschiedene Kampfstile gegeneinander antreten und es zum Abschluss einen „Gewinner“ und „Verlierer“ gibt. Fraglich sollte hierbei die Aussagekraft des Ergebnisses (Gewinner oder Verlierer) sein, also explizit über die Aussagekraft eines solchen „Kampfes“ und über den jeweiligen gewinnenden und verlierenden Kampfstil. 

von Florian Friedrichs, 2. HG1Der Autor ist Lehrer in der WingTsun Kampfkunst-Akademie von Dai-Sifu Michael Schwarz

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I.   Einleitung

Vorgestern konfrontierte mich ein Arbeitskollege, mit dem ich gelegentlich über Kampfkunst rede, mit folgender doch recht plakativen und leicht provokativen Aussage: „Gestern hab‘ ich ein Video gesehen, in dem ein WTler gegen einen MMAler gekämpft hat und der WTler hatte keine Chance…“. Es schien so, als würde er nun von mir eine Stellungnahme verlangen, was ich als WTler davon halte und ob ich die Niederlage des WTlers gar rechtfertigen könnte. 

II.   Kommentar

Jetzt bin ich natürlich nicht der Vertreter der Gesamtheit aller WTler, aber ich äußere dennoch meine (persönliche) Meinung zu solcher Art von Videos. Prinzipiell stehe ich solchen Videos – und es gibt sie auf YouTube in Hülle und Fülle – sehr skeptisch gegenüber, und zwar aus den folgenden drei Gründen:

Grund 1: Solche Videos versuchen den Anschein zu erwecken repräsentativ zu sein – sind es aber nicht. 

Damit meine ich, dass der Anschein einer gewissen Objektivität vermittelt werden soll. Geht man aber dem Ursprung solcher Videos auf die Spur, so ermittelt sich relativ schnell dessen Urheber. Bei dem Urheber angelangt, ergeben sich dann zwei verschiedene Ausgangspunkte: Ausgangspunkt (1) ist, dass ein solches Video von einem Vertreter eines im Kampf dargestellten Stils2Beispiel hierzu wäre: https://www.youtube.com/watch?v=UT_UdmKvjeA; https://www.youtube.com/watch?v=xtQdCuxuWXw produziert wurde und das Video zu Werbezwecken für den eigenen Stil verwendet, werden soll. Bei solchen Videos kann davon ausgegangen werden, dass keine objektive Sicht auf den Kampf vorliegt. Heißt, dass ein Kickboxer, der einen Kampf filmen lässt, in dem ein WTler gegen einen Kickboxer kämpft, man bereits vor dem Videoende sagen kann, wer der Gewinner ist. So kann man ziemlich sicher davon ausgehen, dass das Video nicht veröffentlicht würde, wenn in diesem Beispiel der Kickboxer verloren hätte. Schließlich wird kein Kickboxer ein Video zur Werbung verwenden, in dem er von einem anderen Stil geschlagen wird. Das gleiche gilt natürlich auch, wenn das Video von einem WTler in Auftrag gegeben wurde. 

Ausgangspunkt (2) ist hierbei schon etwas objektiver, da es sich hierbei um eine Organisation3Beispiel hierzu wäre: https://www.youtube.com/watch?v=Q7HBmcxuHfM hierbei verliert der WTler; https://www.youtube.com/watch?v=_nbqqcJwW4g hier gewinnt der WTler. handelt, die es zur Aufgabe hat, zwei unterschiedliche Kampfstile gegeneinander antreten zulassen und dabei selbst unparteiisch auftritt. Hier ist die Objektivität des „Kampfes“ schon eher gewährleistet, weil hier keine Werbung für den jeweiligen Kampfstil produziert werden soll. Sinn und Zweck des „Kampfes“ scheint eher Unterhaltung des Zuschauers zu sein. Das Ganze steht natürlich unter dem Deckmantel der sportlichen Fairness.

Grund 2: Es kämpfen nie zwei Stile gegeneinander, sondern immer zwei Personen, die einen jeweiligen Stil erlernt haben! 

Ich erinnere mich an die Worte meines Si-Fus zu diesem Thema, die ich an dieser Stelle gerne zitiere: „Hier kämpft nicht WingTsun gegen Karate, sondern hier kämpft der Hans gegen Franz“. 

Dieser Gedanke sollte auch der Ausgangspunkt des Zuschauers eines solchen Videos sein. Solche Videos sind keine Repräsentation eines gesamten Kampfstil, sondern hier kämpfen zwei Personen, die jeweils einen unterschiedlichen Kampfstil erlernt haben, gegeneinander. Und dass die Parameter bei solch einem „Kampf“ nie klar und fair bestimmt werden können, liegt förmlich auf der Hand. Hierbei muss auch ganz klar von Fairness gesprochen werden, da es sich nicht um einen Straßenkampf handelt, sondern um einen Kampf in einem Ring, der unter einem zuvor abgestimmten Reglement abläuft. Im Endergebnis heißt das, dass es unfair wäre, wenn ein WingTsun Meister gegen jemanden antritt, der gerade vor einem Jahr mit Karate begonnen hat. Dies gilt natürlich auch für einen 8. Dan-Träger im Karate gegen einen 6. Schülergrad im WingTsun. Fraglich ist also, wie eine solche Chancengleichheit bestimmt wird und wer die Einhaltung überwacht. 

Auf der anderen Seite muss auch klar festgestellt werden, dass es sich um einen Ringkampf handelt, der unter gewissen Regeln stattfindet. Insofern ist hierbei auch ein WTler begrenzt. Während er bei einem Kampf auf der Straße – und dabei zumeist in einer Notwehrsituation kämpfend – alle erlernten Techniken einsetzen kann, ist ihm das im Ring, logischerweise unter dem Stichwort der Fairness, untersagt. Ich denke hier insbesondere an Angriffe Richtung Hals, Kehlkopf, Augen etc. Solche und diverse andere Angriffe und Techniken sind in einem sportlichen Wettkampf natürlich undenkbar. Aber dieses Handwerkszeug wird in unserem Beispiel dem WTler genommen. Das liegt am Ende des Tages natürlich auch daran, dass es sich bei WingTsun als Selbstverteidigung um eine Kampfkunst handelt und es sich bei MMA beispielsweise um einen Kampfsport handelt, der darauf ausgerichtet ist, einen Gegner im Ring zu besiegen (und nicht im Ernstfall lebensbedrohlich zu verletzen, um sich selbst zu schützen). Und das bringt uns auch schon zu meinem finalen Grund Nummer 3.

Grund 3: Man kann Äpfel nicht mit Birnen vergleichen!

Dieser Spruch ist allen bekannt und ich wende ihn auch gerne auf die vorliegende Thematik an. Schaue ich mir ein Video an, in welchem ein WTler gegen einen Ringer kämpft und in diesem Video gewinnt der Ringer, wäre die Aussage „Ringen ist besser als WingTsun“ falsch. In diesem einen „Kampf“ hat jetzt der Ringer den WTler besiegt, aber der WTler ist nicht der alleinige Vertreter des Kampfsystems WingTsun und der Ringer ist nicht der alleinige Vertreter des Kampfsports Ringen. Ebenso gut hätte der WTler den Ringer besiegen können. Das ein solcher Vergleich bereits zu Beginn anfangen muss zu hinken wird nicht zuletzt dann klar, wenn man den Unterschied zwischen Kampfkunst und Kampfsport betrachtet. Kurz gesagt, da sonst der Rahmen dieses kurzen Kommentars zu ausgedehnt werden würde, ist WingTsun eine Kampfkunst, da es an den Elementen fehlt, die es im Kampfsport gibt.4Diese Negativdefinition von Kampfkunst wird dem eigentlichen Begriff der Kampfkunst natürlich nicht gerecht, jedoch scheint es mir für diesen kurzen Kommentar am sinnvollsten, die Kampfkunst – kurz – als Nicht-Kampfsport zu definieren. Hierunter fallen insbesondere das Nichtvorhandensein von Regeln, die sich auf den Kampf beziehen. Das ergibt sich wiederum aus der Tatsache, dass WingTsun eine Selbstverteidigung ist, die einen auf der Straße schützen soll und Ringen nicht als Selbstverteidigung, sondern als Sport konzipiert ist. Es geht beim Ringen nicht um den Schutz des eigenen Lebens und Körper, sondern den Gegner auf beide Schultern zu zwingen oder ihn nach Punkten zu besiegen. Dadurch kommt man schlicht zu dem Ergebnis, dass gewisse Techniken, die in einem Kampf um das eigene Leben sehr wohl geboten sein können, in einem sportlichen Wettkampf nicht geboten sind, da nicht um das eigene Leben gekämpft wird, sondern um einen Sieg, der das körperliche Wohlbefinden nicht unverhältnismäßig beeinträchtigt. Es fehlt auch schlichtweg an Gemeinsamkeiten, die verglichen werden können. Nimmt man zum Beispiel Bewertungskriterien wie „Faustschläge“ und „Kicks“ wird dies schwierig bei einem Ringer festzustellen, da ein Ringer, wenn er ringt, nicht mit den Fäusten schlägt oder kickt. Zuletzt deshalb kann man solche „Kämpfe“ nicht als geeigneten Vergleich verschiedener Kampfstile heranziehen. 

III.   Schlussbemerkung

Ich bleibe also abschließend bei meiner Meinung, die sich nicht nur durch diesen Kommentar zieht, sondern auch allgemein von mir im Alltag vertreten wird, dass ich solche Videos nur mit dem nötigen Hintergrundwissen genießen würde. Solche Videos sind nicht dazu geeignet sich ein klares Bild über einen Kampfstil zu verschaffen, da die einzelnen Parameter der „Kämpfer“5Dem Leser dürfte aufgefallen sein, dass ich meistens von Kampf in Anführungszeichen („“) spreche. Dies rührt daher, dass ich mir Gedanken darüber machen, wie ich Kampf definiere und ob es auch in solchen Konstellationen wie hier beschrieben der passende Begriff darstellt. Es dürfte auch dazu alsbald einen Beitrag geben. (Alter, Kampferfahrung oder auch der Unterschied zwischen Kampfsportler und Kampfkünstler) nicht zu einem objektiven Kampf führen, der es überhaupt rechtfertigen würde, beide Stile zu vergleichen. Es darf hierbei auch nicht außer Acht gelassen werden, dass die einzelnen Stile einfach vom Grunde aus verschieden sind. Wenn ich mich entscheiden will mit einem Ballsport zu beginnen schaue ich mir schließlich auch kein Video an, in dem ein Profifußballer und ein Profihandballer gegeneinander Volleyball spielen. Solche Videos können nichtsdestotrotz unterhaltsam sein, nur sollten sie nicht dazu verwendet werden, um zu ermitteln welcher Kampfstil besser ist.

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