Was ist Kampfkunst?

Ein Gedankenspiel von Sifu Michael Schwarz

von Dai-Sifu Michael Schwarz, 8. MG

Kampfkunst ist die Kunst, kämpfen (sich wehren) zu können, zu Kämpfen ohne zu Kämpfen; am Besten: Siegen ohne zu Kämpfen und überhaupt – besiege dich selbst, das ist der größte Sieg.

Entspricht diese Aussage den Vorstellungen unserer Schüler? Vielleicht den von ein paar Fortgeschrittenen, aber eher kaum von Anfängern oder gar Neuinteressierten. Die meisten Schüler wollen zuerst einmal ein paar „Tricks“ kennenlernen, um sich auf der Straße erfolgreich verteidigen zu können. 

Wahre Kampfkunst ist viel mehr.

Dieses „viel mehr“ zu greifen (begreifen) ist der Kern der Kampfkünste. Am Anfang geht es um Formen, Techniken und Bewegungsmuster, aber „das Ganze“ kann man erst erfassen, wenn man sich selbst und sein eigenes Potential vollständig verstanden hat.

Bruce Lee sagte: „Wissen um die Kampfkunst bedeutet letztlich Wissen um sich selbst“. Der erste Schritt des Lernprozesses muss also immer mechanisch sein, besonders beim Gruppenunterricht. So sprechen wir auch im WingTsun auf der ersten Ebene von körperlichem „Kampf“ untereinander oder gegen andere. Wir benötigen ChiSao um unser LatSao (Freikampf) zu verbessern, ebenso wie das Training (den Kampf) unter-/gegeneinander als Mittel zur Selbsterkenntnis. 

Später ist es die „Arbeit mit dem Meister“, die dem Fortgeschrittenen die wahre, lebendige Kampfkunst näher bringt. So lehrt er ihn, loszulassen von allen „nachgestellten Bildern“ – der Fortgeschrittene (Techniker?) soll im Augenblick des Kampfes eigene Bewegungen selbst kreieren.

Das weite Feld des Erlernens der Kampfkünste kennt keine Grenzen und nur durch vertieftes Studium der Konzepte und Philosophien kann man das erreichen, was man möchte.

„Befreie dich von deiner eigene Kraft“, dieses „einfache“ Konzept lernt der WingTsun-Schüler schon als Anfänger. Was könnte dahinter stehen? Alles beginnt bei uns selbst, und es beginnt mit dem kleinsten Schritt. Wer seine eigene Kraft einsetzen will, der muss erst lernen, wie er sich von seiner eigenen Kraft befreit, denn nur wer sich von seiner eigenen Kraft befreien kann, kann sich von fremden Kräften freimachen. Aber es geht nicht nur um körperliche Kraft; mental betrachtet könnte man sagen – „Befreie dich von neurotischem, zwanghaften Denken und vor allem von deinem übermächtigen Ego“; oder vielleicht – Springe über dienen eigenen Schatten; den Widerstand, den du spürst, kommt von dir selbst. 

Verbinden wir körperliche und mentale Ebene der Kraft z.B. bei einem Fauststoß, so könnten wir sagen: – Kraft entsteht im Geist, wurzelt in den Füßen, entwickelt sich in den Beinen, erhält ihre Richtung aus der Hüfte, wird durch den Oberkörper übertrage, konzentriert sich in der Hand und wird in der Seele spürbar. Die Kraft entsteht im Geist; dazu Bodhidharma – „Der Geist ist die Wurzel, aus der alles wächst. Wenn man den Geist versteht, ist alles mit eingeschlossen.“ 

Siege ohne zu Kämpfen – gebrauche eine ideale Strategie, die es erlaubt, in einer gegebenen Situation zu siegen ohne zu kämpfen.

„Den Angriff ins Leere gehen lassen“ lautet ein WT-Prinzip; „drücke nicht den Gegner weg, sondern drücke dich selbst weg“, so ein anderes WT-Prinzip: Hieraus ist zu sehen, dass wir nicht die direkte Konfrontation mit dem Gegner wollen. 

WingTsun im höheren Sinne bedeutet formlos bleiben, also sich anpassen, umformen, sich ändern und verwandeln können; taoistisch gesagt – den Geschehnissen ihren Lauf lassen, ohne Widerstand zu leisten. 

Einen psychologischen Aspekt wollen wir noch in das Gesamte mit einbeziehen:

Je mehr man sich auf seine körperliche Selbstverteidigungsfähigkeit verlassen kann, umso überzeugender kann man auftreten, denn nur der Starke darf sich schwach stellen.

Großmeister Ueshiba (Aikido): „Wir lernen zu kämpfen, um es nicht zu müssen.“

Für Sun Tsu besteht die höchste Kunst darin, den Gegner ohne Kampf zu besiegen; dies aber wird nur dem gelingen, der sich selbst besiegen kann. 

Laotse sagte einst: „Andere zu kennen ist Weisheit, sich selbst zu kennen ist wahre Weisheit. Den Anderen seinen Willen aufzuzwingen ist Stärke, ihn sich selbst aufzuzwingen ist wahre Stärke.“

Auch Folgendes sollte man bedenken: Die Philosophien als rein theoretisches Studium zu betrachten, wird von keinem großen Erfolg gekrönt werden, es geht vielmehr um die wirkliche Arbeit an sich selbst.

Mein kleiner Ausflug in die höheren Gefilde der Kampfkunst möchte ich mit einem Ausspruch von Anais Nin beenden:

„Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.“ 

 

Link zur Pdf-Ansicht: Was ist Kampfkunst?

 

 

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