Grundwissen: WingTsun – ein Familiensystem

„WingTsun bedeutet Familie!“ Doch was bedeutet eigentlich Si-Fu, Si-Jo und Si-Hing, beziehungsweise wer ist was von wem und wie spricht man sich an? Schreibt man Si-Fu oder Sifu? Und wer ist noch mal mein Si-Gung?

von Florian Friedrichs, 1. HG

I.  Einleitung 

Wir alle haben es schon einmal gehört: „WingTsun ist ein Familiensystem!“. Nur was steckt hinter dieser Aussage? Was hat eine Kampfkunst mit einer Familie zu tun? Wer gehört zur „WingTsun-Familie“ und wie werden die einzelnen „Familienmitglieder“ genannt oder gegebenenfalls angesprochen? Fragen über Fragen, auf die ich versuche einige Antworten zu liefern. Bevor wir nun etwas tiefer in die Materie einsteigen, möchte ich noch erwähnen, dass die nachfolgenden Informationen zum Grundwissen jedes WTler gehören und es keineswegs bloße „Funfacts“ sind. Die Informationen des vorliegenden Aufsatzes weisen zwar wenig Bezug zum eigentlichen Kampf auf, jedoch darf man nicht vergessen, dass uns WingTsun – als Kampfkunst – nicht zuletzt auch einen großen Schatz an Traditionen liefert, den wir natürlich auch in unserer modernen und westlichen Welt versuchen zu bewahren. 

Vorab sei jedoch noch zu erwähnen, dass dieser Aufsatz nicht den Besuch der Theorieeinheit ersetzt, sondern nur als zusätzliches Informationsmaterial angesehen werden sollte, um das Besprochene zu verinnerlichen, manches bei Bedarf nachzuschlagen oder für Nachfragen anzuregen.

II.  WingTsun = Familiensystem = Tradition

Festhalten können wir zunächst, dass aus den drei grundlegenden Philosophien des WingTsuns (Taoismus, Buddhismus, Konfuzianismus) der Konfuzianismus das Familiensystem am stärksten prägt und die Beziehung der einzelnen Familienmitglieder beschreibt bzw. vorgibt. Der Gedanke des Konfuzianismus vergleicht dabei die Güte eines Königs, gegenüber seiner Untertanen mit der Liebe eines Vaters gegenüber des Sohnes [und natürlich Tochter]. Diese Wechselwirkungen sollen auch in den Beziehungen der einzelnen WingTsun-Familienmitglieder widergespiegelt werden. Es soll hierbei nicht auf einen militärischen Gehorsam ankommen, sondern darauf, dass jeder seine Rolle (innerhalb der „Familie“) zunächst erkennt und den anderen, in seiner Rolle, respektiert. 

Betrachten wir weiterhin die Wurzeln unseres heutigen WingTsuns, landen wir zweifelsfrei in China: Dort wurde WingTsun von einem Meister an seine Schüler weitergegeben, wobei es hier noch keine Graduierungen im heutigen Sinne gab. Die Schüler lebten zumeist auf dem Hof des Meisters und dieser kannte den einzelnen Fortschritt seiner Schüler. Es wird daher bereits dort von einem eher familiären System gesprochen. An eine Weitergabe außerhalb der Familie (oder gar an Nicht-Chinesen) war zunächst noch nicht zu denken. Das Oberhaupt der einzelnen Familien bildet, nach alter patriarchischer Ansicht, der Vater – der Sifu. Dies soll bezüglich der Hierarchie im WingTsun auch noch bis heute fortwirken, wenn auch nach heutiger Ansicht das Oberhaupt einer WingTsun-Familie eine Frau sein kann.

III.  Die einzelnen Familienmitglieder  

Nun steigen wir (endlich) etwas tiefer in die Materie ein: Es geht nun um die einzelnen Familienmitglieder. Da wir im WingTsun die Traditionen bis heute wahren, sind auch die einzelnen chinesischen Bezeichnungen für die einzelnen Mitglieder der Familie erhalten geblieben. 

  1. Der Si-Fu (dt. väterlicher Lehrer) ist das Oberhaupt der WingTsun-Familie. Die Sifu-Würde ist keine Graduierung, die man durch das Ablegen einer Prüfung erhalten kann – man bekommt sie, wie der Name „Würde“ bereits sagt, verliehen. Es ist weiterhin üblich seinen eigenen Si-Fu auch mit „Si-Fu“ anzusprechen. Bei offiziellen Anlässen ist es weiterhin üblich, dass man andere Lehrer, die die Sifu-Würde führen mit „Sifu + Vorname“ anspricht.  Diesbezüglich sind auch noch die verschiedenen Schreibweisen zu erwähnen. Schreibt man „Si-Fu“ ist damit der eigene persönliche Lehrer gemeint. Schreibt man „Sifu“ ist damit generell der Titel und die Berufsbezeichnung eines zum Sifu ernannten WingTsun-Lehrers gemeint. Als Dai-Sifu wird derjenige Sifu bezeichnet, der fünf seiner Schüler zur Sifu-Würde begleitet hat. Ein Beispiel dazu wäre Dai-Sifu Michael Schwarz, der bis heute fünf seiner Schüler zur Sifu-Würde führte. Kennst du alle fünf?
  1. Der Si-Gung (dt. großväterlicher Lehrer) ist der Sifu eines Sifus. Hier kann die Parallele zur heimischen Familie gezogen werden: Der Vater des Vaters ist der Großvater. Der Si-Gung für die Schüler von Sifu Michael Schwarz wäre demnach Großmeister Keith Kernspecht.
  1. Eine Generation tiefer steht der Si-Jo (dt. urgroßväterlicher Lehrer), er ist der Sifu des Si-Gungs oder anders gesagt: der Sifu von Si-Fus Sifu. Betrachten wir die handelsübliche Familie wäre es der Urgroßvater – der Vater des Großvaters. 
  1. Möchte wir noch eine Generation tiefer gehen sind wir beim Si-Jo-Jo oder Si-Dai Kung (dt. ururgroßväterlicher Lehrer). Er ist der Sifu vom Si-Jo.
  1. Als nächstes haben wir den Si-Hing (dt. älterer Bruder) und sein weibliches Pendant die Si-Je (dt. ältere Schwester). Prinzipiell sind das alle Schüler, die vor einem selbst der Akademie beigetreten sind. Heutzutage werden als Si-Hing/Si-Je auch die Ausbilder bezeichnet. Im Gegensatz zur Anrede eines Sifus ist es heute eher unüblich seinen Si-Hing auch mit „Si-Hing + Vorname“ anzusprechen, auch wenn es prinzipiell korrekt wäre.
  1. Der zentrale Bestandteil einer WingTsun-Akademie ist der To-Dai (dt. WingTsun Schüler). Derjenige oder diejenige, der bzw. die als Schüler in einer WingTsun-Akademie von einem Sifu angenommen wird ist ein To-Dai.
  1. Unter 5. hatten wir bereits die „älteren Geschwister“ (Si-Hing und Si-Je) erwähnt, hier folgen nun die jüngeren WingTsun-Geschwister mit dem Si-Dai (dt. jüngerer Bruder) und der Si-Mui (dt. jüngere Schwester). Darunter werden alle Schüler verstanden, die nach einem selbst der Akademie beigetreten sind.  
  1. Die WingTsun-Familie erweitert sich weiter durch den Si-Pak (dt. älterer Kung-fu Onkel), als Si-Hing des eigenen Sifus und den Si-Suk (dt.jüngerer Kung-fu Onkel), als Si-Dai des eigenen Sifus.
  1. Die Si-Mo (dt. Kung-fu Mutter) ist die Bezeichnung für die Frau eines Sifus. Hierbei ist egal, ob sie selbst WingTsun lehrt/lernt oder nicht. 
  1. Zuletzt möchte ich hier noch den To-Suen (dt. Kung-Fu Enkel) erwähnen. Er ist der Schüler eines To-Dai. Sinnbildlich und in Anlehnung an die heimischen Familie wäre es der Enkel des Sifus. 

 

Link zur Pdf-Ansicht: WT – ein Familiensystem

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